WISSEN
Veröffentlicht 27.05 2025

Autor:in Sophia Lux
Sie haben alles – und doch fehlt ihnen etwas.
Die Generation Alpha, geboren ab etwa 2010, wächst in einer Welt auf, in der Krisen kein Ausnahmezustand mehr sind, sondern Normalität. Pandemie, Klimakatastrophe, Ukrainekrieg, digitale Umbrüche, KI-Durchbruch – wer heute zehn ist, kennt kaum ein Leben ohne globale Unsicherheit. Sicherheit scheint ein Konzept vergangener Zeiten. Und genau das prägt diese Generation in ihrem Innersten.
Der Soziologe Aladin El-Mafaalani bringt es auf den Punkt: Für die jungen Menschen ist es kein Märchen mehr, dass Institutionen funktionieren oder Regeln stabil sind. Wer mit der Flüchtlingskrise 2015, mit Lockdowns und Klimaprotesten aufwächst, erlebt früh, dass sich Gesellschaft permanent verändert – oft krisenhaft und widersprüchlich. Das Vertrauen in Staat, Schule, Wirtschaft ist brüchig geworden. Zukunft? Ein vielleicht.
Was das mit jungen Menschen macht, zeigen die Zahlen. Eine Untersuchung der Universität Bielefeld in Kooperation mit der Bepanthen-Kinderförderung (2023) zeigt:
"Jedes dritte Kind ist mit seinem Leben unzufrieden."
Die KKH-Studie (2018) dokumentiert einen drastischen Anstieg psychischer Belastungen im Jugendalter – besonders bei 13- bis 18-Jährigen. Reizbarkeit, Rückzug, Mutlosigkeit, depressive Symptome: Die emotionale Robustheit sinkt. Wer sich ständig in einem Krisenmodus erlebt, verliert das Vertrauen in die eigene Gestaltungskraft.
Zukunftssorgen, Angst vor Überforderung, wachsende Entscheidungsschwäche – die psychischen Belastungen dieser Generation wirken sich tief auf ihre Lebensplanung aus. Selbst scheinbar harmlose Fragen wie „Was willst du mal werden?" wirken plötzlich übergroß. Wer nicht an Stabilität glaubt, kann sich schwer vorstellen, dauerhaft irgendwo hinzugehören. Karriere erscheint diffus, Selbstverwirklichung zweitrangig. Hauptsache sicher. Hauptsache nicht allein.
Und dann ist da noch das Digitale: Die Generation Alpha lebt vollständig in vernetzten Realitäten. Sie swipen, scrollen, switchen – aber verlieren dabei leicht den inneren Kompass. Wer täglich mit unbegrenzten Optionen konfrontiert ist, entwickelt oft keine Entscheidungslust, sondern Entscheidungsmüdigkeit. Die Shell Jugendstudie (2019) nennt das "Klimasorge" – aber es ist mehr: Es ist eine tiefe, strukturelle Zukunftsangst, gespeist aus realen Bedrohungen und medialer Dauerpräsenz von Krisen.
Was fehlt, ist Sicherheit – und damit Orientierung. Was fehlt, ist Verlässlichkeit – und damit Vertrauen. Und was fehlt, ist oft ein echter Raum, in dem junge Menschen sich als wirksam erleben. Nicht als passive Zuschauerinnen und Zuschauer eines Weltgeschehens, das über sie hinwegrollt, sondern als aktive Gestalterinnen und Gestalter ihres Lebens.

Bepanthen-Kinderförderung / Universität Bielefeld (2023): Jugend in Stress.
KKH (2018): Endstation Depression – Wenn Schülern alles zu viel wird.
Shell Deutschland (2019): Shell Jugendstudie – Eine Generation meldet sich zu Wort.
Frankfurter Allgemeine Zeitung (2025): Für diese Generation ist Krise die Normalität.