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Wie gelingt Berufsorientierung – und warum schaffen es andere Länder, Jugendliche früher und besser zu erreichen als wir?

Sophia Lux

Autor: Sophia Lux

Veröffentlicht 12.05 2025

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Blogbeitrag

Wie gelingt Berufsorientierung - und warum schaffen es andere Länder, Jugendliche früher und besser zu erreichen als wir?

Wer sich mit Berufsorientierung in Deutschland beschäftigt, kommt an dieser Frage nicht vorbei. Denn ein Blick über den nationalen Tellerrand zeigt: Es geht auch anders. Und manchmal sogar besser. In vielen europäischen Ländern ist Berufsorientierung fest im Bildungssystem verankert – sie beginnt früher, ist systematischer aufgebaut und deutlich praxisnäher gestaltet. Länder wie die Schweiz, Österreich oder Dänemark gelten hier als Vorreiter. Die Schweiz setzt seit Jahrzehnten auf ein starkes duales System. Bereits ab der Sekundarstufe I tauchen Jugendliche tief in die Berufswelt ein. „Berufswahlwochen“, Praktika, Informationszentren und individuelle Beratung sind fest integrierte Elemente – Berufsorientierung wird dort als gesamtgesellschaftliche Aufgabe verstanden. Das Ergebnis: Laut OECD (2021) liegt die Zufriedenheit der Jugendlichen mit der Berufsberatung bei über 80 Prozent. Auch in Österreich findet Berufsorientierung spürbar früher statt. Ab der achten Schulstufe sind verpflichtende Orientierungstage vorgesehen, ergänzt durch Berufspraktische Tage, Messebesuche und eine enge Kooperation mit der Wirtschaft. Laut Eurobarometer (2020) ist die Zufriedenheit insbesondere unter Jugendlichen im nicht-akademischen Bereich hoch. Dänemark geht noch einen Schritt weiter: Kommunale Bildungszentren begleiten Jugendliche schulformübergreifend – von der Potenzialanalyse bis zum Bewerbungscoaching. Digitale Tools wie das Portal „UddannelsesGuiden“ verzahnen persönliche Beratung mit moderner Technologie. Studien zeigen: Jugendliche fühlen sich dort deutlich besser unterstützt und informiert als in Deutschland.

Was machen diese Länder anders? Erstens: Berufsorientierung wird als strategischer Teil der Bildungspolitik verstanden – nicht als Zusatzangebot. Zweitens: Schule und Lebenswirklichkeit der Jugendlichen werden früh miteinander verbunden. Drittens: Beratung ist professionalisiert und institutionell abgesichert. Viertens: Jugendliche sammeln Erfahrungen - nicht nur Informationen.

Der Unterschied beginnt also weniger bei den Jugendlichen selbst, sondern beim System. In Deutschland ist Berufsorientierung oft projektartig organisiert und stark vom individuellen Engagement einzelner Lehrkräfte abhängig. Die Folge: Ungleichheit. Insbesondere Gymnasiast*innen erhalten im europäischen Vergleich die geringste berufliche Orientierung. Der internationale Vergleich macht deutlich: Jugendliche wünschen sich echte Chancen zur Selbstentfaltung – und diese entstehen dort, wo Berufsorientierung früh ansetzt, ernst genommen wird und junge Menschen als aktive Gestalter*innen ihrer Zukunft angesprochen werden.

Quellen:

  • OECD (2021)
  • Eurobarometer / Europäische Kommission (2020)
  • CEDEFOP (2021)
  • Bertelsmann Stiftung (2020/2021) für Deutschland als Vergleich